HELGA HAHNEMANN

 

 

 

Es gibt Berliner, die kann man einfach nicht vergessen. Helga Hahnemann ist eine davon. Sie ist leider viel zu früh, am 20. November 1991, mit nur 54 Jahren verstorben. Ich als Westberliner durfte diese wunderbare DDR-Künstlerin ein kleines Stück auf ihrem kurzen Leben begleiten.

 

Werde ick nie vajessen, wat Du mir da einjebrockt hast; am 20. November 1991 hatte ick die Moderation für olle Ponys Sendung "Spielspass" in Adlershof. Schon bei die Proben kam die Nachricht: "Die Henne is abjetreten". Zum Schluß der Live-Sendung habe ick denn die janich frohe Kunde vabreitet. Kannste Dir vorstellen, wie mir da zu Mute war? Komm, ey, dit is ja nu´rum, leider. Ick hatte Dir aber denn noch eeenen Nachruf vafasst - HIER ISSER:

 

Meine erste Begegnung mit Helga Hahnemann war, zwangsläufig, platonisch: Irgendwann schaltete ich mal im TV umher, landete im Programm von DDR 1 oder 2 und sah den „Kessel“.

Irgend so eine „Blonde, Dicke“ ackerte über die Bühne und sang: „Berlin, du bist die größte – Quasselstrippe vonne Welt“ – damit konnte ich überhaupt nichts anfangen, zunächst.

Donnerwetter, dachte ich, die Frau aber hat ja so was von Temperament, Witz und oooch noch ´ne richtije Berliner Schnauze: dit jefällt mir!

 

Dann kam der Name: HELGA HAHNEMANN! Nie gehört, bis dahin. Natürlich musste ich als Musikjournalist sofort nachhaken.

Freunde aus Ostberlin informierten mich hinreichend und prompt. Ich hatte eine Bildungslücke!!!

Binnen kürzester Zeit hatte ich einen kompletten Lebenslauf von Helga Hahnemann in meinem Archiv (Berlinerin, Schauspielschule mit 3 anderen Helgas – daher der Beiname „Henne“ zur besseren Unterscheidung; Leipziger Pfeffermühle und immer wieder Fernsehen, Fernsehen, Fernsehen und Berliner Rundfunk: „Helgas Top(p)-Musike“ – eine heftige Konkurrenz zu Lord Knud und seinen „Evergreens à Go Go“ im RIAS.

Von den „Wanderern zwischen den Welten“ bekam ich dann auch die Platten von meinem „Idol“. Erst die „Süße“ und dann „Dicke da“. Ick war bejeistert!!!

Im Dezember 1986 schleppte mir dann jemand die Amiga-Scheibe „Wo is´ mein Jeld nur jeblieben“ an. Zu dieser Zeit hatte ich schon immer in meiner aktuellen Hit-Sendung „RIAS SCHLAGERPARADE“ DDR-Künstler vorgestellt – Helga Hahnemann war ja nun ein absolutes MUSS!!! Neuvorstellung am 21.12.1986 und sofort ging es ab wie die Weihnachtspost; 8. Platz, 3. Platz und 3 Wochen lang 1. Platz.

Die Rias-Hörer in Ost und West hatten entschieden: HELGA HAHNEMANN IST SPITZE!!!

 

Natürlich bekam Helga, wie es bei Westkünstler auch üblich war, eine Urkunde über die erfolgreiche Platzierung in der RIAS-SCHLAGERPARADE. Der Einfachheit halber schickte ich das Dokument mit dem riesigen RIAS-Emblem direkt an der Berliner Rundfunk in der Nalepastrasse. Insgeheim habe ich natürlich damit gerechnet, dass das Ding mit dem Vermerk „Annahme verweigert“ wieder zurückbekommen würde – mitnichten!

SCHNITT!

Irgendwann im Februar 1987 dann klingelte abends bei mir zuhause das Telefon: „Hier is Helja – Helga Hahnemann. Du, Nerochen, darf ick ma so sagen wa, is ja oooch einfacher – machen wir Gaukler unter uns oooch immer so – kannste oooch Helja zu mir sagen…Du, ick wollte mir ja nur bei Dir bedanken für die Urkunde vom RIAS. Hab ick von meine Vorjesetzten höchstpersönlich mit ´n janz sauret Jesicht überreicht bekommen.“

Ja und dann haben wir beede „anne Strippe“ wie die Weltmeister jequatscht – ohne Ende, fast ´ne janze Stunde lang.

Helga kannte mich besser als ick sie, war mir schon peinlich…aber denn kam ´se zum Ende. Mit den Worten, die ick nie vajessen werde: „Nerochen, ick mach ma Schluss, ick steh hier nämlich inne Telefonzelle und frier mir bald den Arsch ab…“ – Echt, so war ´se!!!

Und von da an war nichts mehr „platonisch“ zwischen uns – wir verstanden uns auf Anhieb; „zwee olle Berlina mit Herz und Schnauze“.

 

Am 17. März 1988 hatte sie ihr erstes Gastspiel im Westen bei JOE AM WEDDING (Joe war durch meine Sendungen mit Helga auf sie aufmerksam geworden). Der Laden war gerammelt voll. Natürlich eine Superstimmung – die „aus´m Osten“ wollte man unbedingt sehen und erleben. Kristina Merkel und Rainer Genss und natürlich Helgas Leib- und Magenband, das „BERLIN SEXTETT“ waren die musikalischen und tänzerischen Begleiter. Helga räumte ab!

Und wie!!!

Nach der Show schlich ich mich in der Kellergarderobe von hinten an sie ran, zupfte ihr am Ohr und sagte nur: „Icke bins“ – Ohne sich umzudrehen kam die Antwort: „Mensch, ey, Nerochen – dit kannst nur du sein. Komm, wir jehen ma an die Bar und nehmen mal endlich eeenen zur Brust.“ – Wir nahmen!!! J

 

Am 5. Juni dann wieder ein Schallplattenstart in der RIAS Schlagerparade: „100 mal Berlin“! Wieder ein Knaller, wieder ein Hit, wieder eine Urkunde – diesmal direkt auf Hennes Schreibtisch.

Nun ritt mich der Teufel: die Vorbereitungen zur großen Gala des RIAS, der „RIAS PARADE 88“ in der Berliner Deutschlandhalle standen an. Noch nie war bislang ein DDR-Künstler auf dem Plakat. Ich „baggerte“ Helga Hahnemann an. Ganz formell über die „Künstleragentur der DDR“. SCHWEIGEN…Nachfassen beim Berliner Rundfunk – NICHTS. Dann direkt mit Helga ein langes Gespräch in Schöneiche. Helga: „Weeeßte wat, schick mir mal janz persönlich ´ne offizielle Einladung und denn mache ick mich IN DIE SPUR!“

Hat ´se jemacht hat ´se mir dann erzählt: „Erst meene Vorjesetzten, denn dit Ministerium und sojar die russische Botschaft. Nu klappt dit aber! Ick komme! Bloß dit RIAS Funkhaus darf ick nich betreten wejen die janzen CIA-Spione (?). Müssten wa die Proben uff neutralem Boden abhalten.“

Für mich als zuständiger Redakteur kein Problem. Fein säuberlich bekam Helga ihren Probenplan für die Deutschlandhalle. Geprobt wurde dennoch im RIAS Studio 7 mit Horst Jankowski und seinem RIAS-Tanzorchester (Hotte war janz bejeistert!).

Am 4. November dann die Show im Eichkamp. Henne in allerbester Gesellschaft: Tony Christie, die Fortunes, Helen Schneider, Karl Dall, Jürgen Marcus und viele andere.

Höhepunkt natürlich: Big Helga from the GDR!!!! Minutenlanger Auftrittsapplaus – Stehende Ovationen – Zugabe, Zugabe…Berlin feierte die „Süße“!!!

Nach ihrem Auftritt kam Helga von der Bühne, umarmte mich, küsste mich (Beweisfoto von hinterher) und sagte: „Ick danke dir, Nerochen, dit war der Hammer“. Helga zerquetschte ´ne Träne…

Wir „beede“ machten dann über die Jahre noch viele, gemeinsame Sachen. Das Pfingstfrühkonzert im Berliner Zoo und das ZDF-Sonntagskonzert mit Helga Hahnemann waren Medienereignisse.

Dann kam der 9. November 1989. Der 50. Geburtstag von Ulrich Schamoni in den Berliner Kindl-Festsälen in Neukölln.

Noch wusste niemand von den Gästen von der Maueröffnung. Alle labten sich am Hummerbüffet und gratulierten dem Jubilar Schamoni. Erst Parlamentspräsident Jürgen Wohlrabe brachte es in seiner Rede gegen 19:30 auf den Punkt: DIE MAUER IST AUF!!!!

Begeisterung im Saal: Helga war Stargast, hatte das wohl auch noch nicht so recht geschnallt, und sang inbrünstig „100 mal hab´ ick Berlin vaflucht…“ – plötzlich Getöse am Eingang, eine Gruppe junger Ostberliner, eingefangen (!) vom Radio-Sender 100,6, strömte auf die Bühne, sahen Helga Hahnemann und waren völlig irritiert (Helga aber oooch). Dann aber brach der Jubel los – der Geburttag von Ullrich Schamoni wurde zur Nebensache. Alle wollten plötzlich an die Mauer…

Von nun an ging nichts mehr seinen „sozialistischen Gang“.

Wir konnten unbeschwert unsere Freundschaft in vollen Zügen genießen; feierten Geburtstage zusammen, gingen zusammen Essen beim Italiener in Steglitz, telefonierten wie die Weltmeister. Fast wären wir auch noch gemeinsam nach Fuerteventura geflogen – wir hatten zufällig das gleiche Hotel gebucht.

Auch die Sauna, auf die Helga immer so stolz war, in ihrem Haus in Schöneiche haben wir nie benutzen können…aber einmal hat´s dann doch geklappt mit Schöneiche: Freitag, 14. März 1991 – 14 Tage vor der Premiere von „Kiek ma an“ im Friedrichstadt Palast.

Ein saukalter Frühlingsabend. Nebel oooch noch. Und dann das RAUCHVERBOT bei Helga inne Hütte inne Otto-Schröder-Str.

Nach dem Essen (Kartoffelsuppe aus Meissner Porzellan!) Heljas Ansage: „Kinderchen, passt ma uff, ick weeß doch, euch rooocherts. Ick holt ma´n paar Klamotten von mir und dann setzen wa uns uff die Terese – da könnt ihr qualmen. Ick komm mit und schnupper denn mal…!“

Meine Frau, ick und Henne, angemummelt wie im sibirischen Winter – muss ein Bild zum Brüllen gewesen sein.

 

Helga Hahnemann war eine „Ackerlotte“. Was sie anfasste, musste perfekt sein. Ihr berühmter Spagat kam nie „aus dem Ärmel“ – harte Arbeit im Ballettsaal steckte dahinter. Gags und Scherze, die ihr Angela Gentzmer auf den Leib schrieb, wurden im privaten Kreis schon mal vorab ausgetestet.

Zu einer geplanten 3-Tage-Show im ICC Berlin zum Ende des Jahres 1991 wollte sie mich einspannen: Ich sollte als „rasender Reporter“ Leute auf der Straße nach Helga Hahnemann befragen. Selbst zu Beate Uhse wollte sie mich schicken – da sollte ich hartnäckig nach der „Kundin“ Helga Hahnemann fragen…

Die witzigsten Antworten dieser Umfrage wollte sie dann als „Ouvertüre“ vor ihrer Show als Pseudo-Live-Schaltung einspielen lassen.

Meine erste Kassette mit ungefähr 12 bis 15 Stimmen war schon fertig. Zum Einsatz kam sie nie. Der 20. November kam dazwischen – aus die Maus…

 

Nun liegt die Kassette mit dem RIAS-Aufkleber neben ihrer Urne auf dem Friedhof in Pankow.

Ein letzter Gruß an „meine“ Henne…